Neue Filmpreise, Premieren und politische Extras – unser Programm 2018

Das KINOFEST LÜNEN zeigt in seiner 29. Ausgabe knapp 50 aktuelle deutschsprachige Filme, inszeniert von namhaften Regisseur*innen und vielversprechenden Regietalenten. Insgesamt werden 12 Preise im Wert von mehr 40.000 Euro vergeben, darunter drei neue Filmpreise. Erstmals vergeben werden der Insassenpreis der JVA Werl und der Lüner Schauspielpreis (dotiert mit 2.500 Euro). Die Kinofestleitung freut sich außerdem, erstmalig in Lünen den Siegfried Kracauer Preis 2018 vergeben zu können. Der Preis wird bereits zum fünften Mal vom Verband der deutschen Filmkritik (VdFK), der MFG Filmförderung Baden-Württemberg und der Film- und Medienstiftung NRW ausgelobt. Die nach dem Filmtheoretiker Siegfried Kracauer benannte Auszeichnung für Filmkritik ist mit insgesamt 15.000 Euro dotiert. Der Preis für die Beste Filmkritik ist dabei mit 3.000 Euro dotiert, das einjährige Stipendium ist mit 12.000 Euro ausgestattet.

Sven Ilgner und Michael Wiedemannn, die Leiter des Kinofest Lünen, sind bereit für die 29. Ausgabe: „Die Filme unseres diesjährigen Kinofestes zeigen sich auffallend politisch und intensiv. Dabei kommt die klassische Kinounterhaltung im Programm aber – wie immer in Lünen – auch nicht zu kurz.“

Eröffnungsabend und Abschlussfilm
Das beliebte Publikumsfestival wird 2018 erstmalig von Mittwoch bis Samstag stattfinden. Der Eröffnungsfilm ist KALTE FÜSSE, eine Uraufführung, die in Lünen vor dem Kinostart 2019 zu sehen sein wird. Regisseur Wolfgang Groos ist bisher vor allem für Kinder- und Jugendfilme bekannt. Für seine neue, deutsch-österreichische Ko-Produktion inszeniert er Jungstar Emilio Sakraya als Kleinganove Denis, der sich – bei einem Einbruch ertappt – als Pfleger von Schlaganfallpatient Raimund (Heiner Lauterbach) ausgibt. Dieser durchschaut ihn sofort, sitzt aber im Rollstuhl und kann nicht sprechen. Ein plötzlicher Schneesturm spitzt die absurde Ausgangssituation zu einem irren, kammerspielartigen Katz- und Maus-Spiel zu. Wolfgang Groos und Emilio Sakraya werden in Lünen zu Gast sein.

Diesjähriger Abschlussfilm ist die Romanadaption SO VIEL ZEIT von Philipp Kadelbach. Das Ensemblestück ist mit Jan Josef Liefers, Jürgen Vogel, Armin Rohde und Richy Müller prominent besetzt, die Buchvorlage stammt aus der Feder von Bochums Kultautor Frank Goosen. Die warmherzige Komödie um ein paar in die Jahre gekommene Männer, die ihre alte Rock‘n‘Roll-Band „Bochums Steine“ wieder auf die Bühne bringen und endlich den musikalischen Durchbruch schaffen wollen, läuft in Lünen flankierend zum deutschen Kinostart.

2018 werden 12 Filmpreise im Wert von mehr als 40.000 Euro vergeben. Um den mit 10.000 Euro dotierten Hauptpreis LÜDIA konkurrieren sechs Spielfilme und zwei Dokumentarfilme.

JIBRIL, Henrika Kulls Abschlussfilm der Filmuniversität Babelsberg, handelt von einer berufstätigen, alleinerziehenden Mutter, die sich Hals über Kopf in einen Gefängnisinsassen verliebt. Der ungewöhnliche Liebesfilm spürt mit großer Nähe zu den Figuren der Frage nach, wie und ob sich eine Beziehung unter diesen Bedingungen entwickeln kann. Mit der Liebe hadert auch Oskar, suizidaler Physikstudent und Protagonist in Isa Micklitzas LASS UNS ABHAUEN. Wie ein impulsiv unternommener Roadtrip den Blick auf die individuellen Zukunftsperspektiven verändern kann, ist die Kernfrage dieses berührenden Dramas. Emotional packend ist auch der österreichische Spielfilm COPS von Stefan A. Lukacs. Nachdem ein Polizist in Notwehr einen Menschen erschießt, flüchtet er sich – traumatisiert und zerrissen zwischen Heldenstatus und Schuldgefühl – in Gewaltexzesse. In Wien spielt auch Eva Spreitzhofers charmante und perfekt getaktete Culture-Clash-Komödie WOMIT HABEN WIR DAS VERDIENT? Die „Islamisierung“ steht hier plötzlich in Form der eigenen, zur Muslima konvertierten Tochter mitten im Wohnzimmer einer weltoffenen Patchwork-Familie. Mysteriös wird es hingegen in Esther Bialas Thriller WO KEIN SCHATTEN FÄLLT: Als die 14-jähirge Hanna in das Dorf ihrer unter ungeklärten Umständen verschwundenen Mutter zurückkehrt, häufen sich abermals seltsame Vorkommnisse. Ein sensibles Familiendrama ist VERLORENE von Felix Hassenfratz. Mit seinem Debüt erzählt der Regisseur nicht nur einfühlsam die Geschichte zweier Schwestern, sondern widmet sich auch dem Tabu-Thema des sexuellen Missbrauchs.

Die Dokumentarfilme im Wettbewerb könnten filmästhetisch und inhaltlich nicht unterschiedlicher sein. Florian Heinzen-Ziobs KLASSE DEUTSCH eröffnet uns einen neuartigen Blick auf die Institution Schule. Eine resolute Lehrerin hat in Köln maximal zwei Jahre Zeit, aus dem Ausland stammende Kinder auf das deutsche Schulsystem vorzubereiten. Wie in jeder Klasse finden sich ehrgeizige Streber und Klassenclowns. Ihre Geschichten zeigen auf, wie wichtig der Spracherwerb dabei ist, Teil einer zunächst fremden Gesellschaft und Kultur zu werden. Lars Barthel begleiten wir dagegen für seinen Dokumentarfilm GET ME SOME HAIR fast bis ans andere Ende der Welt, nach Jamaika und Burma. Ursprünglich wollte der Regisseur nur wissen, warum seine Frau so oft falsches Haar trägt. Der wiederkehrende „bad hair day“ ist die Initialzündung für eine filmische Recherche über den global florierenden Markt von Fremdhaar und dessen politische Implikationen. Gleichzeitig ist der Film aber auch das intime Porträt einer interkulturellen Liebesgeschichte zwischen Barthel und seiner aus Jamaika stammenden Frau.

Drei weitere Preise werden von Fachjurys an die Filme des LÜDIA-Wettbewerbs vergeben:
Drehbuchpreis, Lüner Schauspielpreis, Schüler-Filmpreis 16+.
Die Perle (Preis für Frauen aus der Filmbranche) für die beste Kostümbildnerin und der RuhrPott für den besten Dokumentarfilm werden sektionsübergreifend ausgelobt und ebenfalls durch Jurys vergeben.

JURYS

Jury HWG Drehbuchpreis
Hans W. Geißendörfer (Regisseur und Produzent)
Kyra Scheurer (freie Filmdramaturgin und künstlerische Leiterin des Filmplus Festival für Filmschnitt und Montagekunst Köln)
Nicole Weegmann (Fotografin, Dozentin ifs Köln und Regisseurin, u.a. IHR KÖNNT EUCH NIEMALS SICHER SEIN)

Jury Perle – Preis für Frauen aus der Filmbranche
Helene Christanell (Leitung Filmfestival Bozen)
Roland Silbernagl (Schauspieler, u.a. Tatort Köln und ZINGERLE)
Elena Wegner (Kostümbildnerin, u.a. für BARFUSS und DESSAU DANCERS)

Jury Lüner Schauspielpreis
Susanne Ritter (Mitglied des Bundesverbands Casting, des International Casting Directors Networks und der Deutschen Filmakademie)
Lina Wendel (Schauspielerin, u.a. für HERBERT (Lüdia-Gewinner 2015), aktuell in Krimireihe „Die Füchsin“)
Stefan Westerwelle (freier Drehbuchautor und Regisseur)

Die weiteren Wettbewerbe
ERSTE HILFE & ERSTER GANG – Die Kurzfilmwettbewerbe
Kurzfilme sind beim Lüner Publikum beliebt und auch diesmal präsentiert sich die kurze und mittellange Form mit fiktionalen, dokumentarischen und experimentellen Arbeiten. Zu sehen sind beispielsweise animierte Ameisen, konsequent inszenierte Smartphone-Thriller oder ein skurriler Selbstfindungstrip durch ein Wellnesshotel.

RAKETE – Der Kinderfilmwettbewerb
Vier Filme gehen diesmal ins Rennen um den mit 3.000 Euro dotierten Preis für den besten Kinderfilm, der vom Publikum gekürt wird. Ebenso spannende wie fantastische Abenteuer, rund um die Themen Freundschaft und die Macht der Phantasie, stehen im Mittelpunkt. In MATTI UND SAMI UND DIE DREI GRÖSSTEN FEHLER DES UNIVERSUMS von Stefan Westerwelle lockt Matti seine Familie mit einem erfundenen Lotteriegewinn nach Finnland, die Heimat seines Vaters, was unvorhersehbare Konsequenzen birgt. In MEIN FREUND, DIE GIRAFFE von Barbara Bredero schmiedet Dominik einen genialen Plan, um seinen besten Freund Raff trotz der bevorstehenden Einschulung noch täglich sehen zu können – was nicht ganz einfach ist, denn Raff ist eine Giraffe. Im ersten Kinoabenteuer des legendären Schweizer Comics PAPA MOLL hat dieser, gespielt von Stefan Kurt, nicht nur ein turbulentes Wochenende mit seinen drei Kindern zu bewältigen. Die verfeindeten Kinder von Stuss laufen ebenfalls auf und Tochter Evi befreit auch noch einen Zirkushund aus den Fängen des bösen Dompteurs Rasputin. Regisseur ist Manuel Flurin Henry. Das Langfilmdebüt des Kenianers Likarion Wainaina dreht sich um die neunjährige Jo, die unheilbar an Krebs erkrankt ist und sich nichts sehnlicher wünscht, als eine Superheldin zu sein. SUPA MODO ist aber kein trauriges Drama, sondern ein wunderbar poetischer Film über die magische Kraft des Kinos und die Macht der Phantasie.

EXTRAS
Besondere Leinwanderlebnisse bieten alljährlich unsere EXTRAS. In diesem Jahr zu den Themen Deutschland, Theater im Film, Eine Welt und mit Lünen-Premieren, Musikfilmen und Fernseh-Premieren.

Extra DEUTSCHLAND
Deutschland als (Film)land hat viele Gesichter, Seiten, Stimmen. Untrennbar mit Gegenwart und Zukunft verbunden ist deutsche Vergangenheit, zu der die Verbrechen der Nationalsozialisten, der Zweite Weltkrieg und der Holocaust gehören. Der Dokumentarfilm ÜBER LEBEN IN DEMMIN spürt den Ereignissen 1945 in der Hansestadt Demmin und ihren Folgen nach. Kurz vor Kriegsende nahmen sich hier fast tausend Menschen aus Furcht vor der anrückenden Roten Armee das Leben. Der Massensuizid wurde in der DDR nicht aufgearbeitet, heute wird er von Rechtsradikalen mit sogenannten „Trauermärschen“ vereinnahmt und instrumentalisiert. Regisseur Martin Farkas gelingt ein neuer Blick auf den schwierigen Umgang mit unserem historischen Erbe. Demmin ist heute Partnerstadt Lünens. Um die Aufarbeitung des Holocaust geht es auch Leon Schwarzbaum. Als einziger Überlebender seiner einst großen Familie begann er erst im hohen Alter, seine Geschichte in der Öffentlichkeit zu erzählen. Regisseur Hans-Erich Viet begleitet Schwarzbaum für seinen Film DER LETZTE JOLLY BOY bei Fernsehauftritten, nach Auschwitz sowie in seine ehemalige Heimat Polen und dokumentiert dabei zugleich aktuelle, deutsche Wirklichkeiten.
Eng verknüpft mit der Geschichte der DDR und auf wahren Begebenheiten beruhend sind die beiden Spielfilme DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER von Lars Kraume und GUNDERMANN von Andreas Dresen. Ebenfalls an historische Ereignisse angelehnt, allerdings in der damals westdeutschen Oberpfalz, spielt Oliver Haffners Polit-Drama WACKERSDORF. Der Spielfilm handelt von der Mobilisierung des Protestes gegen die gleichnamige, atomare Wiederaufbereitungsanlage in den 1980ern. Eine aktuelle Thematik greift Jan Bonnys WINTERMÄRCHEN auf. Der Regisseur erzählt – beeinflusst durch aber ohne direkten Bezug zum NSU – mit drastischen und teilweise schwer erträglichen Szenen die Geschichte einer rechten Terrorzelle, die in Köln Ausländer ermordet. Ein bewusst politischer Film, der aber weder belehren, noch die rassistischen Motive der Täter erklären will.

Extra EINE WELT
Politische Brisanz entfalten auch die beiden Dokumentarfilme in diesem Extra. Florian Opitz‘ dritter Kinofilm SYSTEM ERROR legt schonungslos die häufig ausgeblendeten Zusammenhänge des selbstzerstörerischen, kapitalistischen Systems offen. Werner Boote geht mit Greenwashing-Expertin Kathrin Hartmann in DIE GRÜNE LÜGE den Ökolügen der Großkonzerne auf den Grund und zeigt Wege auf, dagegen aufzubegehren. In Kooperation mit LIGA (Lüner Initiative gegen globale Armut).

Extra MUSIK
„Marmor, Stein und Eisen bricht“ oder „Wunder gibt es immer wieder“ – egal, wie man dem deutschen Schlager gegenübersteht, jeder von uns kennt diese Lieder, oft sogar textsicher. Weniger bekannt ist ihr Komponist Christian Bruhn. Der gebürtige Hamburger ist einer der erfolgreichsten deutschen Komponisten und Musikproduzenten der Nachkriegszeit, hat außerdem auch Film- und Fernsehmusik komponiert. Marie Reich würdigt mit ihrem Porträt CHRISTIAN BRUHN – MEINE WELT IST DIE MUSIK den Mann hinter den Liedern.

Extra LÜNEN PREMIEREN
In dieser Sektion zeigt das Kinofest acht deutschsprachige Kinofilme, die in Lünen noch nicht auf großer Leinwand zu sehen waren. Darunter Veit Helmers VOM LOKFÜHRER, DER DIE LIEBE SUCHTE, Sandra Nettelbecks WAS UNS NICHT UMBRINGT, Wolfgang Fischers STYX, Eva Trobischs bei den Filmfestivals Locarno und München ausgezeichnetes Drama ALLES IST GUT und Ruth Beckermanns spannender Dokumentarfilm WALDHEIMS WALZER. Viele der Filmemacher*innen nutzen die Gelegenheit, ihre Arbeiten einige Zeit nach dem offiziellen Kinostart mit dem Lünener Publikum zu diskutieren.

Neuer Festivaltrailer
Zum kommenden Festival präsentiert das Kinofest außerdem einen neuen Trailer, in dem allerhand berühmte Filmfiguren in Lünen aufeinandertreffen. Produziert wurde der Trailer von Axel und Henning Ricke (Lumatik Film) aus Köln.

Pressekontakt:
Stefanie Görtz; Maxi Braun
presse@kinofest-luenen.de
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